Der Zahn der Zeit …

…nagt unaufhörlich an diesem Relikt aus den vergangenen Tagen der Route 66 – und er tut es immer noch. Von „John’s Modern Cabins“ sind nur noch Ruinen übrig geblieben. Hölzerne Zeugen der Vergangenheit inmitten von Bäumen, Sträuchern und wildem Efeu, der langsam von ihnen Besitz ergreift.

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Wir schreiben das Jahr 1931, als Bill und Beatrice Bayliss an dieser Stelle der Route 66 sechs Cabins eröffnen, die sie an müde Reisende auf ihrem langen Weg nach Westen vermieten. Ein für die damalige Zeit nicht ungewöhnliches Unterfangen, denn die zunehmende Motorisierung der amerikanischen Bevölkerung lockt die Menschen scharenweise ins sonnige Kalifornien. Die Reise dauert lange, Übernachtungen, möglichst zu Billigpreisen (die 30er Jahre sind die Zeit der „Great Depression“) sind notwendig. Motels, Tankstellen, Werkstätten, Cafés, Restaurants, Bars entstehen in großer Zahl entlang der Reiseroute. So auch „Bill’s and Bess’s Place“. Auch für Unterhaltung wird gesorgt, eine typische amerikanische Dance Hall vervollständigt das Angebot.

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Das Ganze hat ein bisschen was von einer Spelunke (juke joint), so jedenfalls wird das Etablissement von amerikanischen Quellen beschrieben. Es muss ganz schön was los gewesen sein damals, wir befinden uns schließlich noch in der Zeit der Prohibition. Alkohol war verboten, aber kaum jemand schert sich drum, schon gar nicht an Orten wie unseren Cabins irgendwo in Missouri. Kein Wunder also, dass sogar ein eifersüchtiger Mörder die Stätte heimsucht und an Ort und Stelle seine 18-jährige Ehefrau per Kopfschuss ins Jenseits befördert, als er in der Dance Hall rumballert und zwei andere Anwesende, sozusagen als Kollateralschaden, ebenfalls in Mitleidenschaft zieht. Geschehen an Halloween anno 1935. Eugene Duncan, so heißt der erzürnte Ehemann, muss den Mord an Billie mit 50 Jahren Knast bezahlen. 13 davon sitzt er ab, dann lässt man ihn raus. Mit 60 holt ihn der Herzinfarkt. Ein einfallsreicher Drehbuchautor mitsamt ebenbürtigem Regisseur macht daraus sicher mal ´nen Hollywood Thriller.
Als im Jahr 1940 ein paar Meilen entfernt das Fort Leonard Wood in Betrieb geht, boomt das Geschäft mit den Soldaten und ihren Familien. Besonders die Dance Hall wird reichlich frequentiert.

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Bill und Bess verkaufen den Laden schließlich mit Gewinn. Es gibt mehrere Besitzer in den folgenden zehn Jahren, doch schließlich in 1951 landet das Geschäft in den Händen von John und Lillian Dausch, die das Ganze in John‘s Modern Cabins umbenennen. 5000 Dollar hat das Ehepaar aus Chicago dafür bezahlt. Als die Route 66 im Jahr 1957 an dieser Stelle verbreitert wird, sind die Cabins im Weg, sie müssen ein Stück nach hinten verlegt werden, was kein großes Problem ist, bestehen die fundamentlosen Teile ja nur aus Holz. John nutzt die Gelegenheit zum weiteren Ausbau. Drei weitere Cabins, diesmal aus festerem Baumaterial, entstehen. Ein Blockhaus für sich und seine Frau und ein kleiner Waschsalon einschließlich Snack Bar vervollständigen das Ensemble. Die Dance Hall allerdings existiert nicht mehr, sie fällt der Verlegung der Anlage zum Opfer und wird nicht mehr neu errichtet.

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Die Geschäfte gehen gut, John verhökert nebenbei Schnaps, auch unerlaubterweise an Sonntagen, was ihm den Spitznamen „Sunday John“ einbringt.
Mit dem Bau der Interstate beginnt der Abstieg von John’s Modern Cabins. Das Geschäft fährt mehrspurig vorbei. Kaum jemand hält noch an, Übernachtungen werden spärlicher. Dann stirbt Lillian, John, jetzt allein mit seiner inzwischen angeschlagenen Gesundheit, beschließt, den Laden dicht zu machen. Doch er verbringt den Rest seines Lebens bis 1971 auf seinem Besitz.
Jahre später erwirbt Loretta Ross aus St. Charles, Missouri das Anwesen. Der ursprüngliche Plan, eine Jagdhütte draus zu machen, zerschlägt sich mit dem Tod ihres Ehemanns. Niemand kümmert sich mehr um die Cabins am Waldrand. Und so verfallen sie langsam aber sicher. Manchmal bekommen sie Besuch von neugierigen und gut informierten Route 66 Fans, die den Resten von John’s Modern Cabins ein freundliches „How are you doing“ zurufen. Und wenn man des Nachts an diesen Ort gerät, begegnet man vielleicht den Geistern von Billie und Eugene … wer weiß? Schließlich sind wir in Amerika und dort mag man Haunted Homes, nicht wahr?

 

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