Farmersville, Waggoner, Litchfield – Durch‘s ländliche Illinois

Von Carlinville aus könnte man jetzt weiter auf der 4 nach Süden fahren bis man Staunton erreicht. Aber dann würde man den neueren Abschnitt der 66 zwischen Springfield und Staunton auslassen. Das wollen wir aber nicht, also fahren wir einfach den Weg nach Springfield zurück, wo wir zuerst auf die I-72 ostwärts und dann auf die I-55 südwärts fahren. Sobald wir den Lake Springfield überquert haben, können wir auf die Palm Road (Exit 88) abbiegen und dieser Frontage Road parallel zur Interstate nach Süden folgen. Jetzt befinden wir uns wieder auf der Route 66. Die nächsten Orte sind Glenarm und Divernon, die wir eiligst durchfahren.

Man hätte auch auf der Rückfahrt von Carlinville von Auburn aus über die 104 East abkürzen können, die zwischen Glenarm und Divernon auf unsere Frontage Road trifft. Wir verpassen nichts, egal, für welche Strecke wir uns entscheiden. Der erste Stopp sollte in Farmersville eingelegt werden, wo wir einen Blick auf Art’s Motel werfen können, besser gesagt auf das Neonschild des ehemaligen Motels. Das ist von der Route 66 Association of Illinois im Jahre 2007 restauriert worden. Für ein knappes Jahr bringt das neue Schild ein paar mehr Gäste ins Haus. Dann ist wieder Schluss und das im Jahr 1937 erbaute Motel schließt seine Pforten. Immerhin gehört das Motel und das angeschlossene Restaurant zur Route 66 Hall of Fame. Das Motel befindet sich an der Kreuzung der Frontage Road mit der Main Street in Farmersville.

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Waggoner ist ein winziges Kaff etwas abseits der Straße. Man kann einen kleinen Abstecher dorthin machen und durch die menschenleeren, in den typischen „Blocks“ angelegten Straßen fahren. Ab und zu ein Traktor oder ein kläffender Hund. Die riesigen Felder rundherum haben scheinbar alles Leben verschluckt. Das mag sich zur Erntezeit ändern. Den Wasserturm haben wir mal fotografiert. Und die „Town Hall“ auch.

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Weiter geht’s Richtung Süden, immer noch auf der West Frontage Road. Man passiert ein Rest Area und kurz danach liegt rechts der Schrein „Our Lady of the Highways“. Diese Marienfigur hat es inzwischen zu einer kleinen Berühmtheit gebracht. Also halten wir mal an. Schließlich handelt es sich ja auch um eine „offizielle“ Route 66 Roadside Attraction. Die Figur geht auf das Jahr 1958 zurück, als eine Gruppe jugendlicher Gemeindemitglieder der Litchfield Catholic Youth Council aus den umliegenden Dörfern die Idee hat, eine solche Figur an der Route 66 aufzustellen, um die Reisenden mit göttlicher Unterstützung auszustatten. Farmer Francis Marten stellt die „Location“ zur Verfügung und ein Jahr später wird die Statue geweiht. Seitdem ist sie ein beliebtes Ziel für Pilgerfahrten, Bücher werden geschrieben, TV Sendungen gibt’s auch und die Figur wird zu einem 66 Landmark. Die Familie Marten, die gleich nebenan ihr Domizil hat, kümmert sich seitdem und auch weiterhin um Erhaltung und Pflege des Schreins.

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Noch ein paar Meilen durch die Felder und dann trifft die West Frontage Road auf die Illinois 24. Hier geht’s geradeaus nicht weiter, also wechseln wir unter der Interstate hindurch auf die East Frontage Road, die uns nach kurzer Zeit nach Litchfield bringt. Dort wo die 66 auf die N13th Avenue trifft, bitte links und sofort wieder rechts abbiegen. Die Old Route 66 N, wie sie hier heißt, führt uns zum Litchfield Sky View Drive-In Theater, einem der wenigen noch in Betrieb befindlichen Autokinos. Diese Freilufttheater waren ja über lange Zeit sehr beliebt in den USA, vor allem auch an der Route 66. 1950 war’s, als das Skyview seine Tore erstmals öffnet. Man kann es sich richtig vorstellen: Knutschende Teenager in Papa’s Studebaker, Chevrolet oder Pontiac, Kellnerinnen, die Eis und Pommes auf Rollschuhen durch die Gegend fahren und am Autofenster servieren, dazu John Wayne, Humphrey Bogart, James Dean, Marilyn Monroe, to name just a few, auf der Riesenleinwand – das alles an einem lauschigen Sommerabend im Mittleren Westen. Hat schon was, oder? Heute betreiben die Besitzer, Norman und Del Paul, das Kino nur noch saisonweise an den Wochenenden. Von April bis September können sich Anhänger der guten alten Zeit in dieselbe versetzen. Zumindest, was das Ambiente angeht. Star Wars, Terminator oder Tomb Raider passen eher weniger. Und die ollen Karren von damals rosten eh auf irgendwelchen Höfen oder Feldern vor sich hin. Zur Freude von so manchem Route 66 Fotografen 😉

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Aber Litchfield hat noch mehr zu bieten, zumindest in Sachen Route 66. Da ist zuerst mal das “Litchfield Museum & Route 66 Welcome Center“. Es liegt nur einen Steinwurf die Straße hinunter. Hier trifft man möglicherweise auf Martha, den guten Geist des Hauses. Gleichzeitig ist sie auch „President“ des Konsortiums, das dieses Museumsprojekt ins Leben gerufen und vollendet hat. Das Ganze beginnt im Jahr 2011, als sich eine Gruppe von Litchfielder Bürgern für ein Museum stark macht. Die Geschichte der Stadt soll in würdigem Rahmen dargestellt werden und da darf natürlich die Route 66 nicht fehlen. Durch allerlei Fund Raising-Maßnahmen wird das Projekt finanziert. Baugrund an der 66 ist schnell gefunden und es dauert gerade mal ein Jahr, bis der Grundstein für das Gebäude gelegt wird. Das war am 23. April 2012. Einen Besuch in Marthas Museum sollte man sich nicht entgehen lassen. Natürlich gibt es auch einen Gift Shop.

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Gleich daneben steht das schön restaurierte Vic Suhling Gas for Less Zeichen, einer ehemaligen Tankstelle.

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Ein paar Schritte über die Straße und man steht vor einer weiteren, traditionsreichen Perle der Route 66: dem Ariston Cafe. Viele halten es für das beste Restaurant an der ganzen Straße, also an der ganzen 66. Das Essen ist wirklich gut, das können wir bestätigen. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt und wurden freundlich und bestens bedient. Das Ariston ist seit seiner Gründung im Jahr 1924 im Besitz der Familie Adam. Zweimal wird es „verlegt“ (das erste Ariston stand noch vor Route 66 Zeiten in Carlinville an der Route 4), bis es im Jahr 1935 seinen heutigen Standort erreicht. Pete Adam, ein griechischer Einwanderer, ist der Gründervater des Hauses. Bis 1966 hat er die Zügel in der Hand. Ihm folgt sein Sohn Nick und dessen Frau Demi, die bis heute das Restaurant leiten und ihre Gäste gern persönlich begrüßen. Seit 2004 haben sie Unterstützung von Paul und Joy, der nächsten Adam Generation.

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Gut gestärkt machen wir uns also wieder auf den Weg. Es gilt noch ein verlassenes Motel in Litchfield zu erkunden. Es sind nur ein paar hundert Meter bis dorthin. Genau genommen ist es ein Motel, ein Café und eine Tankstelle, die übliche Kombination in alten 66 Zeiten. Das Belvidere war eines von so vielen „Mom-and-Pop Businesses“ entlang der alten Straße.

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Genau wie das Ariston wird das Belvidere von europäischen Einwanderern gegründet. Wir schreiben das Jahr 1929. Albino und Vincenzo Cerolla, frisch aus Italien eingereist, bauen sich eine kleine Tankstelle mit gerade mal einer Zapfsäule. Sieben Jahre später sieht das schon ganz anders aus. Die Tankstelle ist vergrößert, Werkstatt, Motel und Café sind hinzu gekommen. Plus Wohnhaus für die Familie. Auch die Inneneinrichtung des Cafés kann sich sehen lassen. Die Geschäfte müssen gut gegangen sein in jenen ersten Tagen der 66. In den 1940ern und 1950ern entwickelt sich der Betrieb noch weiter. Das Essen wird hochgelobt, dazu gibt es Live Musik in der Bar. Inzwischen hatte die zweite Generation der Cerollas das Geschäft übernommen. Albino und Vincenzo verstarben in den späten 40er Jahren. Bis in die 1970er geht alles gut, dann folgt die alte Geschichte, die Interstate kommt und das Geschäft an der 66 geht. Der Betrieb schließt kurz nachdem die I-55 im Westen Litchfields fertig gestellt wird. Die Gebäude stehen heute noch und sind in relativ gutem Zustand. Ob sie aber jemals wieder Gäste in ihren Mauern begrüßen können, steht in den Sternen.

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In Litchfield gibt es noch ein paar alte Alignments aus der Zeit zwischen 1930 und 1940, die teilweise ausgeschildert sind. Wer Zeit und Lust hat, kann den Schildern kreuz und quer durch das Städtchen folgen, allerdings gibt‘s nichts Besonderes mehr zu sehen.

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