Sayre, Erick, Texola – Get your kicks

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Wir folgen weiter der 40/Route 66 nach Westen. Am Highway 6 vorbei geht es bis kurz vor die Interstate Ausfahrt 32. Kurz nachdem wir die 34 passiert haben, scharf rechts auf die North Frontage Road abbiegen. Nach ca. 4,5 Meilen geht‘s wieder über die Interstate (nach links) auf die South Frontage Road, die uns zu der kleinen hübschen Brücke über den Timber Creek bringt. Die Straße ist schmal, die gelben Linien „eiern“ ein wenig. Aber die Brücke ist ein schönes Fotomotiv. Rechts braust der Interstate Traffic vorbei.

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Der nächste Ort ist Sayre, wo wir uns das mit einem Saguaro Kaktus geschmückte Schild des Western Motels anschauen. Das Motel ist auch heute noch in Betrieb. In Sayre erreichen wir das Cowboy Country Oklahomas. Die Stadt wird 1901 von Robert H. Sayre, einem Rancher und Besitzer großer Vieherden gegründet. Bis zur Entdeckung der Ölfelder lebt die kleine Stadt von Landwirtschaft und Viehzucht. Das Öl sorgt auch hier für Zustrom von Menschen.

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Das Städtchen wirkt aufgeräumt, aber viel Betrieb ist auch nicht. Gut, es ist Sonntag, man bleibt wohl eher zu Hause, als in der recht hübschen Downtown einzukaufen oder zu flanieren. Die Route 66 Bar erfreut den Freund von Mauergemälden mit einem schönen, aber stacheligen Mural an der Seitenwand. Gegenüber eine längst aufgegebene Tankstelle. Der Odd Shoppe präsentiert ein Windrad und verkauft Unique Gifts. Ein Kino mit einem alten Pick-Up davor, der immer noch seinen Dienst tut. Und das Courthouse des Beckham Countys. Ein hübsches Exemplar, komplett mit Kuppel. Wir sind wieder an einer Movie Location, denn das Courthouse aus dem Jahr 1911 erscheint für ca. 30 Sekunden in der Schlusssequenz von Grapes of Wrath – Früchte des Zorns.

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Die Route 66 führt als 40 in südlicher Richtung aus Sayre heraus. Man kann einen kleinen Abstecher über ein Pre-1958 Alignment machen, wenn man am Sayre City Park nach rechts abbiegt, dann wieder links und der Straße folgt, bis sie wieder auf die 40 trifft. Womit wir wieder auf der North Frontage Road wären.

Weiter geht‘s immer entlang der Interstate auf der BL40/66. Rechts von uns verlaufen zwei schon lange der Natur überlassene Fahrstreifen. Gestrüpp wuchert über die alten Betonplatten – Road Closed. Kurz vor Hext (eine Minisiedlung zwischen der 66 und der I-40) trennen sich Mother Road und Interstate für ein paar Meilen, bevor sie sich dann wieder kreuzen und die 66 Kurs auf Erick nimmt.

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Erick ist die vorletzte Route 66 Destination in Oklahoma. Es kann sein, dass man in dieser kleinen Stadt etwas länger aufgehalten wird, so man das will. Und die allermeisten 66 Fans wollen das.

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Eigentlich ist auch in diesem Städtchen der Hund begraben, so würden wir wohl hierzulande sagen. Sie hat in der Geschichte nie eine große Rolle gespielt. Gegründet im Jahr 1901, von der Oklahoma Dust Bowl in den dreißiger Jahren schwer mitgenommen, durch die Route 66 etwas mit Leben in Form von Motor Courts und ein paar Tankstellen erfüllt, dümpelt der gut 1000 Einwohner zählende Ort seit dem Niedergang der 66 in den siebziger Jahren so vor sich hin. Immerhin kann Erick darauf verweisen, dass in seinen Mauern ein späterer Country Star seine, wie er selbst sagt, langweilige („dull“) Jugendzeit verbringt – oder besser gesagt, aus familiären Gründen verbringen muss. Die Rede ist von Roger Miller, der sich mit seinem Song King of the Road selbst ein Denkmal in der Country Musik Szene gesetzt hat. Deshalb gibt‘s in Erick auch ein Roger Miller Museum.

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Was uns zu einem anderen Musiker in Erick, Oklahoma bringt: Harley Russell sein Name. Und DER ist heute die Attraktion für die 66 Traveller. Dazu biegen wir an der South Sheb Wooley Avenue (benannt nach einem weiteren Country Star aus Erick) nach links ab. 150 Meter sind es von dort bis zu unserem Ziel.

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Zusammen mit seiner Frau Annabelle eröffnet Harley vor rund 15 Jahren in einem ehemaligen Fleischermarkt den Sandhills Curiosity Shop, eine unglaubliche Ansammlung an Route 66 Memorabilia, Sammlungen aller Art, von alten Vinyl Schallplatten über Bücher, Schilder, Lampen, Möbel, Gemälde, Fotos und allerlei Gerümpel. Kaum zu beschreiben, man muss es gesehen haben. Die beiden greifen zur Gitarre, nennen sich die Mediocre Music Makers – also die mittelmäßigen Musikanten – und performen in ihrem Laden für die Touristen, für Harley Gruppen aus aller Welt, für alle, die auf der 66 unterwegs sind. Die entsprechend freakige Aufmachung – grell gestreifte Klamotten manchmal, verwaschene Jeans, oder Latzhosen – alles das gehört zum Image von Harley und Annabelle. Leider verstirbt Annabelle im Oktober 2014 nach schwerer Krankheit. Harley aber hat weiter gemacht und tut es noch.

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Natürlich halten auch wir am Curiosity Shop an. Die Tür ist verschlossen! Au Wei, das wäre ja schade. Wir stromern ein wenig ums Haus, machen ein paar Bilder. Und dann kommt er, Harley, wie er leibt und lebt, mit Latzhose, aber ohne Hemd. Begrüßt uns überschwänglich – gehört zum Image – und bittet uns herein. Das übliche Woher? Wohin? Germany? Great! Nun, der Mann hat Besuch aus der ganzen Welt. Man kann den ganzen Auftritt kaum in Worte fassen. Höhepunkt aber ist die Get your kicks Performance. Wir sind die einzigen Besucher an diesem Nachmittag, also erleben wir eine Privatvorstellung. Ellen wird natürlich mit einbezogen. Ich kann mich hinter der Kamera verstecken.

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Get your kicks on Route 66 – DER Song der Mother Road – wie oft mag er ihn schon zum Besten gegeben haben? In mittelmäßiger Qualität. Mediocre Music Makers eben. Aber das macht nichts, im Gegenteil. Harley ist in seinem Element!

Bobby Troup‘s berühmter Song über die Route 66 ist auch heutzutage entlang der Straße in aller Munde. Vielleicht populärer denn je. Wie oft mag das Lied während einer Route 66 Tour aus dem Radio oder von der CD der vielen Roadies zu hören sein.

Die Idee zu diesem Song kommt Bobby Troup während einer Reise quer durch Amerika im Jahr 1946, die er damals zusammen mit seiner Frau Cynthia unternimmt. Sie animiert ihn unterwegs, ein Lied über eine Straße zu schreiben, was er aber ablehnt. Irgendwo hinter St. Louis aber, unterwegs auf der Route 66 „she leaned over to me and whispered, kind of hesitantly because of my putdown of her first suggestion: Get your kicks on Route 66.“

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Troup ist begeistert von diesem Titel und schreibt den Song noch während der Reise. Der Text enthält in fast jeder Zeile Hinweise auf Orte an der legendären Strecke. Und es wird ein Riesenerfolg. Die Nat King Cole Fassung von 1946 ist die Ursprungsversion. Es folgen eine Vielzahl von Cover-Versionen u.a. von den Rolling Stones, Bing Crosby, Perry Como, Chuck Berry, Manhatten Transfer oder Depeche Mode.

Eine, wie wir finden, sehr schöne Version von Get your Kicks ist diese Fassung von
Asleep at the Wheel:

Berühmt wird die Textzeile Don‘t forget Winona – nicht etwa, weil Winona, an der 66 in Arizona gelegen, ein so weltbewegender Ort gewesen wäre (und immer noch nicht ist), sondern weil Troup einen Reim auf Arizona benötigt und deshalb Winona in die Reihe der markanten Route 66 Locations einfügt.

Harley und Annabell‘s Version unterscheidet sich ein wenig von der Asleep at the Wheel Fassung, aber, wie gesagt, man muss es erlebt haben. Hier (noch zusammen mit Annabelle):

Harley lädt uns noch ins Redneck Castle ein, das ist sein Wohnhaus, gleich hinter dem Laden. Hier sieht‘s genau so aus, eine unglaubliche Ansammlung von Krimskrams, Nippes und Antiques aller Art. Wir unterhalten uns lange mit ihm, zum Abschied natürlich noch ein paar Fotos. Er schnappt sich gleich unsere Kamera – er kennt jeden Kameratyp, sagt er, was durchaus glaubhaft ist angesichts der vielen Besucher – und verewigt unseren Besuch bei ihm.

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Nachdem wir gebührend mit einem dreifachen Yee Haw verabschiedet wurden, machen wir noch einen kurzen Rundgang über die Main Street, Downtown also. Nix los hier, es ist immer noch Sonntag. Trotzdem kann man sich wieder gut ein paar Jahrzehnte zurück versetzen. Es hat damals wohl kaum anders ausgesehen in Erick, Oklahoma.

Wir bewegen uns weiter westwärts auf dem Roger Miller Boulevard, wie die 66 in Erick heißt und passieren zwei weitere Motelruinen. Ihre Namen kann man gerade noch von den Schildern ablesen. West Wind Motel und Elm Motel.

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Sieben Meilen sind es noch nach Texola, unserer nächsten Station. Und wie der Name schon sagt, wir nähern uns jetzt flott der texanischen Grenze.

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Man könnte Texola als öde beschreiben. Einsam, fast verlassen. Irgendwie unwirklich wirkt das kleine Nest in Oklahoma ganz nahe an der texanischen Grenze. Deshalb auch der Name. Texola – Texas und Oklahoma. Es gibt noch mehr dieser Texas Kombi-Namen für Grenzstädtchen zu anderen Staaten: Texarkana oder Texmex zum Beispiel. Wir sind an diesem Sonntagnachmittag so gut wie allein in Texola. Es ist Mai, die Sonne scheint und es ist still. Nichts los hier, man sieht keinen Menschen auf der Straße, die die Route 66 ist. Die Interstate braust nördlich vorbei, der gesamte Traffic lässt Texola links bzw. rechts liegen.

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Die Stadt kann man inzwischen ruhigen Gewissens als Ghost Town bezeichnen. Sie scheint sich langsam in der Prairie Oklahomas aufzulösen. Verlassene Häuser verrotten langsam als stumme Zeugen einer besseren Zeit. Man fragt sich, wer hier lebte, damals, als es noch ein Auskommen gab für die Bewohner.

Die Stadt ist über hundert Jahre alt. Schon 1901 wird das erste Post Office eröffnet, und ein Gefängnis natürlich, aber das erst ein paar Jahre später. Das muss sein damals. Es sind unruhige Zeiten. Dann kommt die 66, hält die Stadt am Leben, viele Jahre lang. Amerika braust durch Texola auf dem Weg nach Westen. Es folgt die bekannte Geschichte: Bau der Interstate, das Ende für die kleinen Geschäfte, Tankstellen, Motels.

Geblieben sind nur wenige, gerade mal 30 Einwohner halten die Stellung. Oder sind es inzwischen weniger? Wir wissen es nicht. Gesehen haben wir niemanden.

Ab und zu passiert ein Auto die Hauptstraße, Route 66 Touristen auf der Durchreise. Die wenigsten halten an. Zu öde ist es hier. Das „Open“ Neon am Waterhole Store & Tumbleweed Grill ist angeschaltet, der letzte Buchstabe ist kaputt. Man könnte dort einkehren. Sicher können sie Steaks. Oder „just a coffee“. Doch es steht kein Auto vor der Tür. Aber Murals an der Wand, ein Sattel, montiert auf einem Balken – dort konnten sie ihre Pferde anbinden. Im Schaukelstuhl sitzt ein Blumenkübel.

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No Place like Texola – so steht es in großen Lettern an einem verfallenen Gebäude. Wie wahr.

Hinterm Ortsausgang steht ein türkisfarbener Thunderbird an der Straße. Wie ein Relikt aus besseren Tagen, genau wie sein Fahrer. Er kommt aus Louisiana, fährt mit seinem T-Bird durch die Welt, die amerikanische Welt. Auch und gerne auf der Route 66. Wir unterhalten uns ein paar Minuten, ein paar Fotos müssen auch sein. Great meeting you.

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Wir stehen genau vor dem Will Rogers Highway Marker. Der Mann ist, wie wir ja inzwischen gelernt haben, eine Legende hier und entlang der Straße. Ein bisschen schief steht er da, der Gedenkstein an das Jahr 1952, als der Highway offiziell in Will Rogers Highway umbenannt wurde. Genau an dieser Stelle. Die Amis haben ein Faible für Historical Markers. Dieser hier ist interessant und man sollte anhalten.

Hier noch mal die steinerne Inschrift:

Will Rogers Highway
Dedicated 1952 to Will Rogers
Humorist – World Traveler – Good Neighbor
This Main Street of America
Highway 66
Was the first road he traveled in a career that
led him straight to the hearts of his countrymen.

Der Thunderbird entschwindet in der Ferne. Die 66 ist hier vierspurig.

Good Bye Oklahoma – Hello Texas!

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