Glenrio, Endee, San Jon – Route 66 Ghosts

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Noch knapp 40 Kilometer und wir haben den Texas Panhandle hinter uns. Die 66 folgt weiter der Interstate, wie gehabt als North Frontage Road. Aber nicht sehr weit. Nach ca. fünf Meilen müssen wir auf die I-40 am Exit 18. Die Frontage Road hört irgendwo im Nirgendwo auf. Auf der I-40 erreichen wir die Grenze zu New Mexico. Ein großes Welcome to New Mexico – Land of Enchantment quer über die Straße empfängt uns. Allerdings können wir nur drunter durch fahren, wenn wir am „Exit 0“ vorbei fahren – und DAS wollen wir auf keinen Fall! Wir werden also VOR dem Welcome-Schild genau an jenem Exit 0 die I-40 verlassen, damit wir ein weiteres, wenn auch verfallenes Juwel der Route 66 erreichen können: Glenrio Ghost Town. Eine „Town“ ist es wahrhaftig nicht, aber die dortigen Ruinen sind ein MUST SEE.

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Also runter von der Interstate, im Scheitelpunkt der Rampe scharf nach links, über die Brücke und am Ende rechts abbiegen. Wir passieren die Ruine einer alten Tankstelle. Glenrio ist ausgeschildert.

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Das, was übrig geblieben ist von Glenrio befindet sich rechts am Straßenrand. Zuerst fällt das ehemalige Longhorn Cafe ins Auge. Vor dem Gebäude, das langsam verfällt, reckt sich das berühmte Werbeschild in den Himmel: First Motel in Texas steht auf der einen Seite, Last Motel in Texas auf der anderen. Man kann es kaum noch lesen, denn die Buchstaben fallen nach und nach herunter. First and Last? Ja, klar, wir befinden uns exakt auf der State Line zwischen Texas und New Mexico. Die Grenze verläuft quer durch das Café. Zum ganzen Komplex gehören eine Phillips 66 Tankstelle, ein Diner, der sich Little Juarez Cafe nannte und das Courtyard Motel, das First and Last. Wer in eine Bar will, muss von Texas nach New Mexico „einreisen“, denn im texanischen Deaf Smith County ist der Ausschank von Alkohol verboten. Als Ausgleich kann man auf der Texas-Seite günstiger tanken, da die Benzinsteuer dort geringer ist, als in New Mexico.
Zu allem Überfluss treffen sich hier zwei Zeitzonen. Die Central Time von Texas und die Mountain Time von New Mexico. Ziemlich verwirrend für die Grenzgänger, die mal eben auf nen Schluck nach New Mexico rüber gehen und nach der Uhrzeit fragen, bevor sie wieder in ihr an der texanischen Tanke geparktes Auto steigen. So war es damals.

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Wer heute diesen Ort besucht, wird von Hundegebell und No Trespassing Schildern empfangen. Man traut sich kaum aus dem Auto. Die meisten knipsen ein paar Bilder vom sicheren Autositz aus. Dabei ist das nicht notwendig. Natürlich soll man sich an die Schilder halten und die Gebäude nicht betreten, aber aussteigen kann man allemal und auch recht nahe heran gehen.

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Glenrio ist das Musterbeispiel für den Niedergang der Route 66 nach dem Bau der Interstate. Vorher gut gehende Geschäfte mit Motel, Tankstelle, Café und Bars, nachher das Nichts, fast von einem Tag auf den anderen. Keine Autoschlangen mehr vor den Zapfsäulen, keine besetzten Tische im Longhorn, kaum noch Übernachtungsgäste im Motel. Keine spielenden Kinder unter den schattigen Bäumen des Innenhofes. Stille, eine besondere Art von Stille, die der Verlassenheit, des Verfalls. Den brausenden Lärm der nahen Interstate, nur ein paar Meter entfernt, hört man kaum. Schon gar nicht, wenn man die kleine Zeitmaschine um 60 oder 70 Jahre zurück dreht. Es gehört nur ein bisschen Phantasie dazu.

Unser Freund Nick hat eine Schwäche für Glenrio. Nicht nur er. Aber er kennt sich aus und er kennt die heutige Besitzerin des Longhorn. Und er bekommt das „okay“, die Gebäude zu betreten. Da wir ihn bei unserem letzten Besuch dort dabei haben, können wir auch mit rein. Ganz legal. Nicht, dass es einer gemerkt hätte, wenn wir ohne Erlaubnis rein gegangen wären, aber wir empfehlen, es nicht zu tun – wir sind in Texas und Privateigentum ist heilig. Somit können wir ein paar Bilder zeigen, die innerhalb des verfallenen Cafés gemacht worden sind. Vandalismus hat es hier leider auch gegeben und es grenzt fast an ein kleines Wunder, dass ausgerechnet die Scheibe, auf der das Wort „Cafe“ geschrieben steht, heil geblieben ist. Und dieses Foto wollen wir unbedingt – in mehrfachen Variationen natürlich.

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Bevor wir jetzt weiter fahren, müssen wir wieder eine Entscheidung treffen. Es gibt zwei Möglichkeiten, den nächsten Ort an der 66, San Jon, zu erreichen: Entweder wir fahren zurück zur Interstate, schauen uns dort das unbedingt sehenswerte Automuseum im Russell´s Truck and Travel Center an – dazu nutzen wir den „moderneren“ 1950er Verlauf der 66 – oder wir nehmen ein paar Meilen Dirtroad unter die Räder und wählen den direkten Weg von Glenrio nach San Jon, indem wir dem alten Original-Alignment der 66 direkt aus Glenrio heraus folgen. Da wir aber nichts auslassen wollen, werden wir uns beide Möglichkeiten ansehen, so unterschiedlich sie sind. Gerade deswegen.

Bleiben wir also zuerst auf der Originalroute. Kaum haben wir das letzte verlassene Gebäude in Glenrio passiert, wird die Strecke zur Dirt Road, die aber prima zu befahren ist, auch für normale PKWs.

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18 Meilen führt dieser Abschnitt durch die Landschaft New Mexicos. Vorbei an längst verfallenen Eisenbahnbrücken der Chicago, Rock Island & Pacific Railroad, an Modern Restrooms und verfallenen Motel Cabins in Endee, einer weiteren 66 Ghost. Ein paar Autowracks rosten auf den eingezäunten Grundstücken vor sich hin. In Endee, an der Abzweigung der 93 fahren wir geradeaus vorbei. Nicht, dass man erkennen könnte, dass man in Endee ist …

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Wir erreichen San Jon. Da leben noch Menschen, nicht viele, so an die 300. Auch hier sind die Straßen leer, bis auf die allgegenwärtigen Schulbusse. Ein paar Kinder also, die hier zur Schule gehen. Ansonsten: Tote Hose. Immer wieder dieselbe Geschichte. Die Cabins des Western Motels sind noch bewohnt, es steht ein modernes Auto vor der Tür. Aber auch ein alter Plymouth, der bessere Tage gesehen hat. Das alte Schild rostet ungestört vor sich hin. Gegenüber der Old Route 66 Truck & Auto Service. Sie nehmen Kreditkarten. Heute noch? Kaum. Der Putz blättert von den Wänden, die Türen sind offen, drinnen herrscht das Chaos. Niemand da. Wer auch? Ob sich jemand meldet, wenn man die Telefonnummer auf dem Schild anruft?

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Eine Tankstelle hat durchgehalten, als Ruine nur noch, aber erkennbar. Haus Nr. 702. Der Rost zerfrisst die einzige noch vorhandene Zapfsäule.

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Das ist San Jon. Eine fast tote Stadt, aber noch keine Ghost Town. Dabei war sie mal ein Tummelplatz für Cowboys, die am Samstagabend ihre hart verdienten Dollars durchbringen. Aber das ist 100 Jahre her. Als die 66 kommt, sprießen die üblichen Geschäfte. Nichts ist mehr übrig geblieben, fast nichts… ein verrostetes Blechschild. Western Motel…

Also zurück zu unserem Ausgangspunkt: Glenrio. Und von dort nehmen wir jetzt den anderen Weg nach San Jon. Am Exit Zero wieder auf die I-40. Gleich hinter der State Line, an der nächsten Ausfahrt – das ist die 369 – wieder raus. Vor uns liegt Russell‘s Truck and Travel Center. Dorthin wollen wir. Tanken, essen und das Auto Museum besuchen. Denn das ist sehenswert. 22 American Classic Cars sind zu bewundern, die meisten davon aus den 1950er Jahren. Freunde von Cadillacs, Thunderbirds oder Bel Airs werden ihre Freude haben. Dazu jede Menge Memorabilia aus den 50ern. Marilyn Monroe ist vertreten, Elvis natürlich und eine Reihe anderer Größen jener Zeit. Es kostet nichts. Einfach rein gehen. Fotografieren erlaubt und erwünscht.

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Zurück im Auto geht‘s wieder auf die North Frontage Road, die immer noch die Route 66 ist, bis zum Exit 361. Um die Truck Inspection Station herum weiter bis man den Highway 469 kreuzt. Dort links abbiegen und wir sind wieder in San Jon. Wo es immer noch genau so schön öde ist, wie vorhin.

By the way … wir sind im sechsten Route 66 Bundesstaat angekommen und haben bei unserer 66 Schnitzeljagd ein paar Mal die Grenze überquert.

Angekommen in New Mexico – Land of Enchantement.

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